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den vorangegangenen Kapiteln wurde der Einfachheit halber angenommen:
1. Die Polachse der Erde ist raum- und richtungsfest
2. Die Ekliptik ist raumfest
Beides ist genau genommen ist nicht der Fall. Die Erde ist ein Kreisel, der äußeren Kräften (von Mond, Sonne, Planeten) unterworfenen ist.
Die Präzession
Jeder kennt das vom Spielzeugkreisel: Ein
Kreisel (hier: ein sog. "schwerer Kreisel") wird in Drehung versetzt. Sobald
seine Figurenachse (gelb) nicht mehr senkrecht steht und damit
nicht
mehr mit der Richtung der Gravitationskraft G übereinstimmt, beginnt
sich die Figurenachse um die Senkrechte (grün)
zu drehen. Gemäß den Kreiselgesetzen sagt man auch: Ein äußeren
Kräften unterworfener Kreisel versucht, der (durch G verursachten) Neigung
seiner Figurenachse senkrecht auszuweichen, in diesem Fall z. B. in Richtung
des gelben Pfeils. Die Figurenachse beschreibt ihrerseits einen Kegelmantel,
der links oben leicht angedeutet ist. Diese Bewegung wird als Präzession bezeichnet.
(lat. praecedere = voranschreiten. Beschriftete Pfeile sind Kräfte,
unbeschriftete kennzeichnen Bewegungen)
Auf die Erde angewandt ergibt sich folgender Sachverhalt:
Da die Erde keine Kugel ist, sondern ein Rotationsdellipsoid (genauer gesagt
ein Geoid),
ist
der Äquatordurchmesser um ca. 43 [km] größer als der Poldurchmesser.
Mond und Sonne wirken mit ihrer Anziehungskraft auf diesen
Äquatorwulst der Erde. Diese Kraft ist im zugewandtem Punkt Z etwas
größer (da näher) als im abgewandten Punkt A. In Summe ergibt
sich ein Drehmoment, welches versucht, die Erdachse aufzurichten und damit
die Ekliptikschiefe zu verkleinern (grüne Pfeile in N und S). Gemäß den
oben beschriebenen Kreiselgesetzen weicht die Erdachse senkrecht aus und
beschreibt einen (doppelten) Kegelmantel.
Ein voller Umlauf der Erdachse dauert ca. 25780 Jahre. Momentan zeigt sie
in Richtung Alpha Ursae Minoris (heutiger Polarstern), in etwa 12000
Jahren, also um 14000 n.Chr. wird Vega (Alpha Lyrae) die Funktion des Polarsterns
innehaben.
Hier gibt es eine kleine
Gif-Animation.
Der Löwenanteil der Präzession beruht auf Mond und Sonne, die sogenannte Lunisolarpräzession.
Hinzu kommt noch ein kleiner Anteil von den anderen Planeten, des Weiteren
noch ein relativistischer Anteil.
Die Präzession bewirkt nun aber die rückläufige Bewegung des
Frühlingspunktes in der Ekliptik. Seit der
Beschreibung durch Hipparch (190-120 v.Chr.) ist der Frühlingspunkt
um ca. 30° gewandert, d.h. um etwa 1 Sternbild.
Daraus
resultiert (heute) die Differenz zwischen den Sternbildern und den Tierkreiszeichen.
Der Frühlingspunkt liegt heute nicht mehr im Sternbild Widder (Aries),
sondern in den Fischen (Pisces). Ab dem Jahre 2600 wird er in den Wassermann
(Aquarius) wandern.
Ich habe zur Bewegung des Frühlingspunktes ein Flash gebastelt, der Film steht aber nur als Download zur Verfügung, da er zur Einbindung in die Webseite zu groß ist. Hier gibt es nur eine nicht ganz so große Gif-Animation (122 KB).
Download des Flash als
zip-Datei
hier (ca. 865 KB, FlashPlugIn 6 oder höher erforderlich). Im Flash-Film
kann man ±50 Jahre ansteuern.
Da der Frühlingspunkt der Koordinaten-Nullpunkt für
das rotierende Äquatorsystem und auch das Ekliptikalsystem ist, ändern
sich langsam aber permanent die Koordinaten der Sterne, besser gesagt verschiebt
sich das Koordinatennetz. Bei der Angabe der Koordinaten muss also auch angegeben
werden, auf welches "Äquinoktium", d.h. auf welche Lage des
Frühlingspunktes man sich bezieht: dies bezeichnet man als die Epoche:=
Zeit der Beobachtung.
"Aktuelles" Äquinoktium versteht sich immer auf das laufende
Datum. Werden beispielsweise Planetenkoordinaten für den Tag X angegeben,
so gilt bei aktuellem Äquinoktium die Lage des Frühlingspunktes
für den gleichen Tag X. In heutigen Computerprogrammen ist das ohne Probleme
machbar. Da man aber Sternkarten nicht für jeden Tag oder jedes Jahr mit
neuen Koordinaten herstellen kann, bezieht man sich auf bestimmte Standardäquinoktien.
1950.0 bedeutet z. B. die Lage des Frühlingspunktes am 1. Januar 1950,
neuere Sternkarten beziehen sich auf das Standardäquinoktium 2000.0.
Mittlere Werte für die Präzession sind: (in Bogensekunden pro Jahr)
| Lunisolarpräzession | 50.37 [''/a], davon 30 [''/a] vom Mond |
| Präzession durch Planeten | -0.12 [''/a] (negativ, wird von obigem Wert abgezogen) |
| Relativistische Effekte | 0.02 [''/a] |
Die Summe aus allen Werten wird "Allgemeine Präzession" genannt. Die Dauer von 25780 Jahren wird oft auch als Platonisches Jahr bezeichnet. Die angegebenen Werte sind natürlich nur Mittelwerte, jene Kräfte, die die Ursache der Präzession sind, sind selbst wiederum periodischen Störungen unterworfen. Es treten regelmäßige Schwankungen sowohl des Präzessionswertes als auch der Schiefe der Ekliptik auf. All diese Erscheinungen faßt man unter dem Begriff Nutation zusammen (lat. nutare = nicken, schwanken).
Die Nutation
Physikalisch gesehen hat die Nutation dieselben Ursache
wie die Präzession. Sie ist eine der Präzession überlagerte
Bewegung,
nur
ist sie im Vergleich winzig klein. In Summe ergibt sich eine "wellenartige"
Bewegung um den Pol der Ekliptik, die Erdachse beschreibt keine glatte Kegelfläche,
sondern eine Art "Wellblechkegel". Eine Skizze gefällig?
Hauptsächlich wird die Nutation durch den Mond verursacht, weil dessen Bahn um die Erde um etwa 5.1° gegen die Ekliptikebene geneigt ist und sich dadurch ständig die Deklination des Mondes ändert. Weil sich die Knoten dieser Bahn (= dort, wo die Bahn die Ekliptik schneidet) rückläufig mit einer Umlaufzeit von etwa 18.6 Jahren durch die Ekliptik bewegen, "zieht" der Mond nicht immer in der selben Richtung. Einmal addiert sich die Neigung der Mondbahn zur Ekliptikschiefe von 23.5° und andererseits wird sie abgezogen, wenn sich der Mondbahnknoten um die Hälfte der Zeit, also 9.3 Jahre, weiterbewegt hat. Das alles ändert das oben angesprochene Drehmoment auf die Erdachse. Der wahre Himmelspol beschreibt eine winzige Ellipse um den mittleren Himmelspol, was dann zusammen mit der Präzession diese wellenartige Bewegung ergibt.
Die
Nutation nimmt sich wie gesagt im Vergleich zum
Öffnungswinkel der Präzession recht bescheiden aus. Die größere
Halbachse der Nutationsellipse beträgt 9''.6 (quer zur Präzessionsbewegung),
die kleinere 6''.9 (in Richtung der Präzessionsbewegung).![Nutationsbewegung, Quelle [2] Nutationsbewegung, Quelle [2]](imgs/img_basics/nutation_2.gif)
Durch die Nutation schwankt der wahre Frühlingspunkt um den mittleren Frühlingspunkt, was auch die Definition der wahren bzw. mittleren Sternzeit zur Folge hat, siehe dazu auch Grundbegriffe/Zeit/Einleitung.
Die Schiefe der Ekliptik ändert sich mit einer Periode von ca. 40000 Jahren im Wertebereich von 21°55' bis 24°18', sie nimmt momentan um 0''.47 pro Jahr ab. Im Rahmen dieser Seite sei die Nutation zwar erwähnt, ihre Auswirkung kann aber in diesem Sinne vernachlässigt werden, wenn man nicht gerade exakteste Berechnungen anstellen will. In Anlehnung an die Zeitgleichung gibt es die sogenannte Äquinoktialgleichung, das ist die Differenz von wahrer und mittlerer Sternzeit und beträgt etwa bis zu 1.1 [s].
Äquinoktialgleichung = wahre Sternzeit - mittlere Sternzeit
Seit 1984 wird zwischen J-Äquinoktien und B-Äquinoktien unterschieden (z.B. J2000=1.Januar 2000, 12h TD [dynamische Zeit], oder B2000). Die J-Äquinoktien beziehen sich dabei auf das Julianische Datum, d.h. den Julianischen Jahresbeginn, die B-Äquinoktien hingegen auf den sogenannten Besselschen Jahresbeginn mit einer Sonnen-Rektasszension von 18h40m. Die Differenz zwischen beiden wird auch Dies Reductus genannt und ist so gering, dass sie im Sinne des Einführungscharakters dieser Webseiten vernachlässigt werden darf.